28. Juni 12

Erdbeben: Neue Erkenntnisse für den Real Estate Sektor

EMEC-Katalog

Erkenntnisse des Forum Risk Management 2012 der Swiss Re für den Real Estate Sektor

Eine regelmäßige kritische Überprüfung des eigenen Standpunktes sollte für Unternehmen und Manager selbstverständlich sein. Das Forum Risk Management 2012 der Swiss Re im Mai dieses Jahres in München bot einem ausgewählten Publikum von Versicherungsmaklern und Riskmanagern u.a. Gelegenheit neueste Erkenntnisse aus dem Bereich der Elementarschäden zu erlangen. Der anschließende Meinungsaustausch zeigte, dass einige der Erfahrungen dazu führen könnten den Versicherungsschutz für den Bereich Real Estate noch sorgfältiger, vor allem aber noch weiter zu fassen, als dies bislang auch bei sehr guten Produkten der Fall ist.

Einer der Schwerpunkte des Forums bildete der Bereich „Erdbeben“. Eine Karte der Epizentren des Europäisch-Mediterranen Erdbebenkatalogs EMEC nach Grünthal & Wahlström (2012, www.gfz-potsdam.de/EMEC) ist oben links dargestellt. Ein PDF-Download der Karte in größerer Auflösung findet sich hier.

Der Vortrag von Patrice Tscherrig, Swiss Re stand dann auch unter dem Thema: Erdbeben: Lessons learned“ aus Chile, NZ, Japan, Rückschlüsse auf Europa? Der Vortrag basierte auf einer Studie der Swiss Re, die im Januar 2012 im Bereich Economic Research & Consulting veröffentlicht wurde (Lucia Bevere, Balz Grollimund: Lessons from recent major earthquakes, Zürich, Januar 2012).

Bei der Betrachtung wurde nur auf einen sehr kurzen Beobachtungszeitraum abgestellt. Die Erdbeben in Chile am 27. Februar 2010 (Magnitude 8,8), Mainz am 23. Dezember 2010 (Magnitude 3,4), Christchurch am 22. Februar 2011 (Magnitude 6,3), Haiti am 12. Januar 2010 (Magnitude 7,0) und Japan am 11. März 2011 (Magnitude 9,0).

Dabei konnten folgende Feststellungen getroffen werden:

  1. Die Seismologie hat ihre Grenzen. Erdbeben kommen oft (sogar meistens) dort vor, wo man sie vorher nicht erwartet hat. Dabei können Erdbeben auch in Deutschland erhebliche Sachschäden verursachen, selbst wenn die Wahrscheinlichkeit klein ist. Viele Überraschungsfaktoren können auch in Deutschland auftreten.
  2. Allen o.g. Ländern gemeinsam ist, dass ein moderner und hoher Qualitätsstandard, im Vergleich zur historischen Backsteinbauweise, Gebäudeschäden  mindert. 
  3. Insbesondere die Beben in Chile, Neuseeland und Japan zeigen aber auch, dass es selbst bei guter Gebäudequalität es in wenig besiedelten, industrialisierten Regionen zu großen Schäden im Bereich Betriebsunterbrechung/Ertragsausfall kommen kann.
  4. In Verbindung mit einem Tsunami (Chile und Japan) kommt es zu weiteren, teilweise erheblichen Schäden; in Japan waren diese maßgeblich für den Gesamtschaden verantwortlich;
  5. Bodenverflüssigungen (Christchurch) können auch bei guter Gebäudequalität maßgeblich zum Gesamtschaden beitragen.

Im Fall des Erdbebens in Chile stellte sich heraus, dass die Modellrechnung des Schadengrades der Swiss Re die absolute Schadenhöhe im Bereich Betriebsunterbrechung unterbewertet hatte. Am stärksten betroffene Industriebereiche waren: Papierfabriken, Brauereien, Weingüter, Stahlwerke und Raffinerien. Im Ergebnis bedeutet dies für die Ausgestaltung des Versicherungsschutzes, dass entweder die Haftzeit oder aber die Entschädigungsgrenze für Erdbeben unzureichend sein kann.

In Christchurch verursachte „Bodenverflüssigung“  substanzielle Mehrkosten beim Wiederaufbau. Bodenverflüssigung kann bei starken Erschütterungen wasserhaltiger, sandiger Bodenschichten als Folge eines Erdbebens stattfinden. Dabei wird das Korngefüge verdichtet und verliert seine Scherfestigkeit. Die Sandschicht verflüssigt sich zu einem Sand-Wasser-Gemisch. Bereiche des Untergrundes können dann herausgepresst werden. Die gesamte Untergrundschicht wird somit instabil, darauf errichtete Gebäude versinken oder werden in ihrer Statik beeinträchtigt. Weiterhin besteht das Risiko, dass Fundamentschäden unentdeckt bleiben und so bei künftigen Erdbeben Probleme verursachen können.

Als Folge einer Bodenverflüssigung muss der Grund und Boden „wiederhergestellt“ werden, bevor ein Wiederaufbau überhaupt stattfinden kann. Soweit das Gebäude nicht zerstört ist, aber die Statik die Nutzung wesentlich beeinträchtigt, muss das Gebäude rückgebaut werden. Man konnte also nicht einfach die Gebäudereste entsorgen, sondern muss die Mehrkosten eines kontrollierten Abbruchs in Kauf nehmen. Zusätzlich wurden in Christchurch viele Gebiete von den Behörden für den Wiederaufbau gesperrt.

Unabhängig von Bodenverflüssigung konnten unbeschädigte Gebäude auch durch andere Faktoren in ihrer Nutzung eingeschränkt oder unbrauchbar werden. Einerseits,  weil Nachbargebäude stark vom Erdbeben beschädigt waren und somit der Zutritt zum unbeschädigten Objekt verwehrt war, andererseits weil die Stromversorgung oder andere Versorgungsleistungen unterbrochen oder eingeschränkt waren.

Aus versicherungstechnischer Sicht sind die Folgerungen aus den o.g. Beispielen für die Betroffenen erheblich. Zum einen ist regelmäßig das Gebäude vom Versicherungsschutz erfasst, nicht aber der Grund und Boden. Der Rückbau eines Gebäudes verursacht im Allgemeinen höhere Kosten als die Beseitigung eines Schuttberges. Weiterhin entstehen Mehrkosten durch die Umsiedlung, weil der Erwerb eines neuen Grundstücks ebenfalls nicht Gegenstand des Versicherungsschutzes ist.

Ein weiterer Kostentreiber für den Wiederaufbau von Gebäude sind Preissteigerungen der lokalen Bauindustrie aufgrund hoher Nachfrage.

Welche Rückschlüsse drängen sich für Deutschland auf?

Nimmt man das Erdbeben vom 23. Dezember 2010 in Mainz als Grundlage, so sind folgende Fakten belegt: Das Beben hatte eine Magnitude von 3,4, trat in einer Tiefe von ca. 14 km auf und hatte eine maximale Intensität von IV-V. Beobachtet wurden das Zittern und Verrutschen von Gegenständen, Knistern von Gebälk, sowie feine Risse im Verputz in 7 Fällen.

Somit ist dieser Fall versicherungstechnisch unerheblich.

Es stellt sich aber die Frage, was gewesen wäre, wenn das Mainz Ereignis stärker gewesen wäre? Bei einer Magnitude von 5,7 und einer maximalen Intensität von VII hätte der Wahrnehmungsradius bei > 130 km gelegen. Bei einer Magnitude von 6,1 und einer maximalen Intensität von VIII hätte der Wahrnehmungsradius >210 km gelegen und bei einer Magnitude von 6,7 und einer maximalen Intensität von IX bei > 400 km.

Vergleicht man das Erdbebenschadenpotential zwischen Frankfurt/Main und Christchurch, erlangt man folgende Fakten:

Wichtige "Zutaten" für
einen großen
Versicherungsschaden
FrankfurtChristchurch
WertekonzentrationGroßGroß
VersicherungsdichteKlein/MittelGroß
SelbstbehalteKleinKlein
Anzahl von unverstärkten
Backsteingebäuden
GroßKlein
Schadenbeben in der
Vergangenheit
NeinNein
Möglichkeit eines
mittelgroßen Bebens
(M>6)
JaJa


Damit ergibt sich das Risiko, dass ein Erdbeben in Deutschland große Versicherungsschäden in Milliardenhöhe verursachen kann. Direkt betroffen wären hiervon nicht nur Unternehmen, sondern auch viele Gebäudeeigentümer. Indirekt betroffen wären aber auch viele Banken und Sparkassen, die als Hypothekengläubiger die betreffenden Objekte besichert haben.

Welche Konsequenzen sollten auf der Basis der o.g. Erkenntnisse für Deutschland gezogen werde?

  1. Der Abschluss einer Elementarschadendeckung unter Einschluss des Erdbebenrisikos ist sinnvoll, auch wenn die Eintrittswahrscheinlichkeit gering ist.
  2. Regelmäßig sind für Elementargefahren Entschädigungsgrenzen vorgesehen. Abweichend von der Entschädigung für die Gefahr Feuer steht für die Wiederherstellung des Gebäudes häufig nicht die volle Versicherungssumme zur Verfügung. Die Entschädigungsgrenze sollte angepasst werden.
  3. Die Haftzeit für den Ertragsausfallschaden ist auch im Falle eines Rückbaus des Gebäudes so zu bemessen, dass eine ausreichende Zeitspanne für die Wiederherstellung zur Verfügung steht. Im Falle eines größeren Erdbebens werden sämtliche öffentlichen Organisationen und auch die Personalkapazitäten der Versicherer (siehe Überschwemmungen der Elbe) über Gebühr belastet sein. Entscheidungen über Art und Umfang der Wiederherstellung benötigen aber Zeit.
  4. Im Falle von Bodenverflüssigungen muss damit gerechnet werden, dass entweder Grund und Boden des Grundstücks für eine anschließende Wiedernutzung hergerichtet werden müssen oder aber das Gebäude auf einem anderen Grundstück errichtet werden muss. Grund und Boden sind regelmäßig NICHT Gegenstand des Versicherungsschutzes. Versichert ist vielmehr das Gebäude oder weiter gefasst das Eigentum der Versicherungsnehmer (Gebäude, Betriebseinrichtung, Vorräte, sonstiges Sachanlagevermögen). Somit wären Bodenertüchtigungen von den Versicherungsnehmern zu zahlen. Diese Deckungslücke sollte geschlossen werden.


Manche Versicherungsverträge sehen vor, dass die Versicherungsnehmer das Gebäude auch an anderer Stelle in Europa wieder errichten dürfen. Das löst zunächst das Problem der Bodenertüchtigung. Allerdings müssen auch dann erhebliche Abschreibungen für das Grundstück vorgenommen werden, da dieses ohne die Ertüchtigungsmaßnahmen unverkäuflich oder nur mit einem Abschlag zu veräußern sein dürfte. Auch hier sollte der Deckungsschutz im Sinne einer „Loss of Attraction“ Klausel verbessert werden.

Zusammenfassend kann man festhalten, dass die Erkenntnisse des Swiss Re Forum Risk Management 2012 dazu führen werden, dass die Risiken von Erdbeben auch aus versicherungstechnischer Sicht neu bewertet werden müssen. Aufgrund des Kumulrisikos werden die Verhandlungen mit den Erstversicherern nicht einfacher werden. Eine neue Herausforderung für die Versicherungsmakler.

Autor: Bernd Frischleder

Quelle Kartenübersicht der europäischen Epizentren laut EMEC-Datenbank:
G. Grünthal and R. Wahlström: The European-Mediterranean Earthquake Catalogue (EMEC) for the last millennium, Journal of Seismology, 2012, DOI: 10.1007/s10950-012-9302-y
and Database to the European-Mediterranean Earthquake Catalogue (EMEC). Deutsches GeoForschungsZentrum GFZ, 2012, DOI: 10.2312/GFZ.EMEC
www.gfz-potsdam.de/EMEC