25. Oktober 01

Versicherungsprämien

Immobilien Zeitung Nr. 22 vom 25.10.2001, Seite 22
Rubrik: Steuern, Recht & Service

Das WTC-Desaster und die Versicherung: Jetzt wird alles teurer

Nach den Terroranschlägen in den USA fielen die Aktien der Rückversicherer ins Bodenlose - um kurz darauf zu neuen Höhenflügen anzusetzen. Der Grund: Nun ist die Zeit reif für satte Prämiensteigerungen. Die waren aber ohnehin längst geplant, meint Versicherungsexperte Bernd Frischleder.

Es war Rudolph Giuliani, der inzwischen zur Legende gewordene Oberbürgermeister von New York, der anlässlich der Trauerfeierlichkeiten im Yankee-Stadion ausrief: "Nichts wird mehr so sein, wie es einmal war - es wird besser!" Ob dies allerdings auch für die Versicherungswirtschaft allgemein und den deutschen Markt im Speziellen gilt, ist eine Frage der Perspektive. In einigen Sparten wie z.B. in der Luftfahrtversicherung herrschten in den Tagen nach der Katastrophe chaotische Verhältnisse. Auch wenn bereits erste Schätzungen der Gesamtschadenkosten zwischen 15 Mrd. und 25 Mrd. $ vorliegen, sind die langfristigen Folgen des WTC-Desasters für viele Versicherungs-Gesellschaften noch nicht abzusehen. Zu befürchten ist, dass einige Versicherer diesen "Crash" nicht überstehen werden.

Der Terroranschlag auf die beiden Türme des WTC stellte alle bisher vorstellbaren oder erlebten Schadenszenarien in den Schatten und übersteigt auch die Schäden, die durch Wirbelstürme oder Erdbeben hervorgerufen wurden. Der versicherungstechnische Gau des WTC ist eine Kombination quer durch die Versicherungssparten: Sachversicherungen für Gebäude und Geschäftseinrichtung, Betriebsunterbrechungsversicherungen, Haftpflichtversicherungen und nicht zuletzt Kranken-, Unfall- und Lebensversicherungen.

Verdopplung bis Vervierfachung der Prämien

Wer noch zu Beginn des Jahres 2001 geglaubt hatte, mit moderaten Prämiensteigerungen kalkulieren zu können, sieht auch im Immobilienversicherungsmarkt unvermittelt Kapazitätsengpässe, Kündigungen und, je nach Ausgangsbasis, eine Verdopplung bis Vervierfachung der Prämien. Im Sachversicherungsgeschäft verhängten einige der größten europäischen Versicherer in den vergangenen Tagen Zeichnungsstopps für Neugeschäft oder sogar nur Vertragsänderungen, weil vertragliche Rückversicherungskapazitäten gekündigt wurden und fakultative Rückversicherung nur noch zu exorbitanten Prämien oder überhaupt nicht zu erhalten war.

Vielfach war bereits zu hören, dass die Versicherer nun die Gunst der Stunde nutzen wollen, um Sanierungsmaßnahmen durchzuführen. Eine solche Position mag zwar aus Käufersicht verständlich sein, verfehlt die tatsächliche Lage aber in vielfacher Hinsicht.

Die Lage vor und nach dem Desaster

Grundsätzlich sind zwei Effekte zu unterscheiden:

  1. Marktbewegungen als Folge des Unglücks in New York;
  2. die allgemeine Lage der Schadenversicherer vor dem WTC-Desaster.


Zunächst müssen die unmittelbaren Auswirkungen des Anschlags auf das WTC betrachtet werden. Auch für erfahrene Experten der führenden Rückversicherer hat sich mit diesem verheerenden Anschlag ein Risiko konkretisiert, das bisher in den Kalkulationen der Erst- und Rückversicherer keinen Niederschlag gefunden hatte. Der "Anprall oder Absturz eines bemannten Flugkörpers" war als so unwahrscheinlich eingestuft worden, dass er in der Gesamtkalkulation vernachlässigt wurde. Und schon gar niemand hätte damit gerechnet, dass zwei voll betankte Verkehrsflugzeuge nahezu zeitgleich in die Türme des WTC fliegen könnten. Konnte damit gerechnet werden? Wenn selbst Terrorexperten der Nachrichtendienste überrascht wurden, so galt dies auch für die Versicherer.

Bisher sind nur zwei ähnliche Schadenereignisse im Zusammenhang mit vermuteten oder bewiesenen Terroranschlägen und Flugzeugen bekannt. Am 4. Oktober 1992 stürzte eine israelische Boing 747-220 F in zwei Hochhäuser nahe Amsterdam. Der Schaden: 14 Tote, 233 zerstörte Wohnungen. Unvergessen bleibt der Lockerbie-Fall. Am 21. Dezember 1988 zerriss eine Terror-Bombe einen Jumbojet der Fluggesellschaft Pan AM. 259 Passagiere und Crew sowie elf Ortsbewohner wurden getötet und zahlreiche Häuser von Lockerbie zerstört.

Eine weitere Flugzeugkatastrophe in New York ereignete sich am 28. Juli 1945. Ein B25-Bomber der amerikanischen Luftwaffe flog in den 78. Stock des Empire State Building. Schadenbilanz: 14 Tote, 1 Mio. $ Sachschaden.

Bislang waren Naturkatastrophen der "worst case"

Allen Fällen gemeinsam ist, dass relativ geringer Sachschaden entstand, der auf den weltweiten Versicherungsmarkt keinen erheblichen Einfluss hatte. Bis zum Anschlag auf das WTC waren es insbesondere Naturkatastrophen wie der Hurrican "Andrew" im Jahre 1992 (ca. 19 Mrd. $) oder die Erdbeben in Kalifornien 1994 (ca. 14 Mrd. $) und Kobe 1995 (ca. 3 Mrd. $), die sowohl Erst- als auch Rückversicherer trafen.

Der Effekt eines Terroranschlages war für das WTC nicht neu. Am 26. Februar 1993 wurde bereits einer der Türme des WTC durch eine Autobombe in der Tiefgarage beschädigt. Die Bilanz: sieben Tote und ca. 1.000 Verletzte. Der Sachschaden war hier zwar erheblich, aber von der Größenordnung her mit Feuerschäden aus dem Industriebereich vergleichbar.

London kennt den Terrorismus-Pool

Neben dem WTC war aber insbesondere die Londoner City mehrfach Ziel von Terrorattacken, zwar ohne Flugzeuge, jedoch mit nachhaltiger Wirkung. Am 10. April 1992 benutzten Terroristen einen Lieferwagen, um eine Bombe vor dem Gebäude der Baltic Exchange explodieren zu lassen. Fast genau ein Jahr später, am 24. April 1993, detonierte ein Lieferwagen mit einer ähnlichen Bombe vor Bishopsgate. Die Kollateralschäden waren in beiden Fällen enorm, und die Auswirkungen - insbesondere bei Glasschäden - in einem Umkreis von 400 m sichtbar.

Der anschließend verkündete "Waffenstillstand" der IRA dauerte bis zum 9. Februar 1996 und endete mit dem Anschlag auf das Süd-Kai der Londoner Docklands. Eine Serie von neun Anschlägen folgte.

Im englischen Markt hatten die Londoner Anschläge zur Folge, dass Terrorismusschäden in ganz Großbritannien in der Gebäudeversicherung bis auf eine Grunddeckung (150.000 Pfund) vom Versicherungsschutz ausgeschlossen wurden und, soweit gewünscht, über eine spezielle Anschlussdeckung (Terrorismus-Pool) mit entsprechender Mehrprämie abgesichert werden mussten. Gebäudeeigentümern in der Londoner City blieb nur die Wahl, diese Deckung einzukaufen oder das Risiko einzugehen, beim nächsten Anschlag ohne Versicherungsschutz dazustehen.

Der Ausschlusskatalog von nicht versicherten Gefahren wurde neben dem Kriegsrisiko nun durch eine Terrorismus-Klausel ergänzt. Entsprechende Ausschlussbestimmungen in den Versicherungsverträgen lauten regelmäßig:

"Ausschluss von Terrorismus oder inneren Unruhen:

1. Nicht versichert sind

  • Feuer- und Explosionsschäden in Großbritannien (England, Schottland, Wales), die durch Terrorismus verursacht wurden;
  • Sachschäden in Nordirland, die durch Terrorismus oder innere Unruhen verursacht wurden.

2. Ist der Beweis für das Vorliegen einer dieser Ursachen nicht zu erbringen, so genügt die überwiegende Wahrscheinlichkeit, dass der Schaden auf eine dieser Ursachen zurückzuführen ist.

3. Als Terrorismus gilt jegliche Handlung einer Person, die für eine oder in Verbindung mit einer Organisation tätig wird, deren Ziel es ist, mittels Anwendung von Gewalt eine de jure oder de facto agierende Regierung zu stürzen oder auf sie Einfluss zu nehmen."

Droht nun ein neuer Ausschlusskatalog?

Sollte der vorgenannte Ausschluss nun auch in anderen Ländern angewandt werden, dann wird es für Eigentümer von exponierten Immobilien beziehungsweise von Innenstadtlagen teuer, mit entsprechender Wirkung auf die Nebenkosten.

Die Entscheidung über einen solchen Ausschluss beziehungsweise eine Deckungseinschränkung werden aber nicht die Erst-, sondern vielmehr die führenden Rückversicherer fällen.

Die Lage der Versicherer war schon vorher extrem angespannt

Die Ausgangslage vor dem WTC-Ereignis bedarf für die mittel- und langfristige Marktentwicklung mindestens der gleichen Aufmerksamkeit. Die Lage der Erst- und Rückversicherer war nämlich bereits vor dem 11. September 2001 extrem angespannt. Der nationale und internationale Sachversicherungsbereich klagt bereits seit den 70er Jahren (!!!) über unzureichende Prämieneinnahmen. Marktzyklen mit steigenden Prämien wurden immer wieder durch länger anhaltende Perioden mit Prämienverfall abgelöst. Der Verdrängungswettbewerb, verbunden mit der Internationalisierung der Branche, eröffnete der Käuferseite die Möglichkeit, immer breiteren Deckungsschutz zu sinkenden Prämien einzukaufen. Kunden setzten Makler unter Druck, Makler die Versicherer, Versicherer andere Mitbewerber.

Dabei sprachen die Bilanzen der Schadenversicherer eine eindeutige Sprache. Versicherungstechnische Ergebnisse um oder teilweise über 100% konnten in den vergangenen Jahren nur durch nicht versicherungstechnische (Finanz-)Erträge kompensiert werden. Ein solches Verhalten wird allgemein als "Cash-Flow-Underwriting" bezeichnet. Ein Spiel mit dem Feuer, wie einige Versicherer schmerzhaft erfahren mussten. Denn zu dem Risiko eines schlechten Schadenverlaufs tritt das Problem unzureichender Finanzerträge. Mit dem Absturz der Börse zu Beginn des Jahres 2001 versiegte diese bis dahin munter sprudelnde Quelle. Erste Sanierungsmaßnahmen zum Ende des Jahres 2001 waren die Folge, wurden aber von der breiten Masse der Versicherungsnehmer und auch der Makler nicht ernst genommen.

Derzeit ist die Lage mehr als angespannt. Diejenigen Erstversicherer, die wegen ihres geringen Eigenkapitals einen hohen Anteil an Rückversicherung einkaufen müssen, haben jetzt noch keine festen Vorstellungen von einer Prämiensteigerung beziehungsweise Kapazitäten ihrer Rückversicherer. Demnach fällt auch die eigene Preisgestaltung schwer. Sie wird deshalb regelmäßig sehr konservativ aussehen und sich an Bedarfsprämien orientieren und nicht mehr an Marktprämien. Wenn im Oktober Erst- und Rückversicherer turnusmäßig die neuen Verträge aushandeln, werden nicht nur Industrieunternehmen in einen sauren Apfel beißen müssen.

Im Extremfall droht die Kündigung

Auch die in Deutschland üblichen automatischen Verlängerungsklauseln stellen in der jetzigen Marktsituation ein Problem für die Erstversicherer dar, da die Verträge mit den Kunden möglicherweise zu unveränderten Konditionen verlängert wurden, sie selbst aber zu höheren Kosten Rückversicherung einkaufen müssen. In Extremfällen könnte den Versicherungsnehmern dann eine außerordentliche Kündigung wegen Wegfalls der Geschäftsgrundlage drohen.

Für schlecht geschützte oder schadenträchtige Risiken wird die Luft besonders dünn, wenn Vertragsverhandlungen nicht bereits vor dem 11. September abgeschlossen waren. Soweit Kündigungsfristen mit der Absicht verkürzt wurden, drohende Prämiensteigerungen oder Deckungseinschränkungen zu umgehen, könnte sich diese Taktik nun als kontraproduktiv erweisen, wenn die Schwäche auf den internationalen Rückversicherungsmärkten anhielte oder sich bis zum Ende des Jahres noch verschärfte. Dann wären viele Käufer möglicherweise gezwungen, die Prämien und Konditionen anzunehmen, die ihnen zum Ende des Jahres geboten werden. Sollten einige Erst- und Rückversicherer durch den WTC-Schaden in die Insolvenz getrieben werden, hätte dies einen nachhaltigen Effekt auf die verbleibenden Erst- und Rückversicherer und deren Prämiengestaltung. Das Independent-Debakel des Londoner Marktes vollzog sich ohne Einfluss des WTC-Ereignisses.

Die Rückversicherer haben das Sagen

Zusammenfassend muss man feststellen, dass die jetzige Marktsituation für Pokerspiele denkbar ungeeignet ist, da selbst viele Erstversicherer sich noch kein Bild von den Prämienenvorstellungen ihrer Rückversicherer machen können. Tatsache ist, dass sich die Preisschere durch das WTC-Desaster auf beiden Seiten geöffnet hat. Bereits vor dem 11. September 2001 waren Prämiensteigerungen von mindestens 50% bis 70% prognostiziert worden. Die zusätzliche Prämienerhöhung durch Anhebung der Versicherungssteuer, so gering sie ausfallen mag, trägt ihren Teil ebenso bei.

Bestandsfähige Deckungskonzepte, mit einer dem Risiko angemessenen Prämie und verlässlichen Risikoträgern, klingen konservativ, sind aber das Gebot der Stunde - auch für die Immobilienwirtschaft. (tp)